23. Mai 2018
von nadine
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Buntes Gemüse – Interkulturelle Gärten in Deutschland

von Jana Pajonk

Es ist 1995. Im ehemaligen Jugoslawien tobt ein schrecklicher Krieg, der viele Menschen aus ihrer Heimat vertrieben hat. Auch nach Deutschland. Diese Menschen lassen alles zurück, was sie kennen und müssen sich völlig neu orientieren. Dabei sind sie auf fremde Hilfe angewiesen und dem ausgeliefert, was sich ergibt. Der Handlungsspielraum und die Selbstbestimmung sind sehr eingeschränkt. In Göttingen machen sich deswegen bosnische Frauen gemeinsam mit der Sozialarbeiterin des Flüchtlingszentrums auf die Suche nach einem Stückchen Erde, auf dem sie tätig werden können. Denn ihren Garten, da sind sich diese Frauen einig, vermissen sie am meisten. Ihre Erkenntnis ist die Initialzündung für eine Idee, die sich im Anschluss rasant in ganz Deutschland verbreitet: Interkulturelle Gärten. Hier haben die Frauen endlich wieder einen Handlungsspielraum, können aktiv gestalten – und kommen in Kontakt mit Deutschen und anderen Zugewanderten. Schon bald ackern Geflüchtete und Zugewanderte aus aller Welt mit Einheimischen Seite an Seite, selbstbestimmt und gleichberechtigt. Man tauscht Pflanzen, Erfahrungen, Wissen und das ein oder andere zuerst schüchterne Lächeln. Die alle verbindende Sprache ist Deutsch.

„Durch die Zusammenarbeit von Projektmitgliedern aus verschiedenen Kulturkreisen in den Gemeinschaftsgärten wird interkulturelle Kompetenz, Akzeptanz und Toleranz gefördert“, schreibt der deutsch-äthiopische Agraringenieur Tassew Shimeles in einem unveröffentlichten Göttinger Tätigkeitsbericht*. Er war es, der aus dem ersten Garten in Göttingen ein Konzept und damit Projekt machte, das bundesweit Nachahmer mit Mitstreiter fand. „Der Garten als Ort des Umgrabens, des Wachsens, des Blühens, des Früchte-Tragens und Sterbens bietet für die vielfach entwurzelten Projektmitglieder eine lebendige Möglichkeit, ihr Schicksal zu verarbeiten und sich mit ihrer natürlichen und sozialen Umwelt zu identifizieren.“

Rome** aus Syrien kann das bestätigen. Der 25-Jährige flüchtete vor dem Krieg in seiner Heimat und landete in einer Notunterkunft im Osten Berlins, die in einem ehemaligen Supermarkt eingerichtet worden war. Um den Umständen dort wenigstens zeitweise zu entkommen, folgte er der Einladung in den nahegelegenen Wuhlegarten, einem der ältesten interkulturellen Gärten Berlins. „Im Garten habe ich Anschluss gefunden und Menschen kennengelernt, die mir weitergeholfen haben“, sagt der junge Mann, der in seiner Heimat Grundschullehrer war. Er packte mit an – ob Baumbeschnitt oder Gemeinschaftsbeete, Rome war oft im Garten, ging offen auf die Menschen zu. Er stellte sich vor und nutzte die Kontakte, um sich im Sprechen der deutsche Sprache zu üben. Das war vor knapp einem Jahr. Heute kennt ihn fast jeder in dem Garten.

Rund vier Dutzend Menschen gehen im Wuhlegarten regelmäßig ein und aus. Sie kommen zum Beispiel aus Kasachstan, Peru, Ägypten, Mexiko, Palästina, Ungarn, Bosnien, Ecuador, Tansania, Polen, Spanien, Slowenien, Großbritannien, Irak oder Russland. Gemeinsam mit deutschen Familien und Menschen aus der Nachbarschaft gestalten sie den Garten und die Atmosphäre. Manche bewirtschaften eigene Parzellen, andere betätigen sich an den Gemeinschaftsflächen. Im Frühjahr teilt und tauscht man Tipps und Setzlinge, im Sommer Grillgut, im Herbst die Ernte. Eine Gruppe hat sich zum Imkern zusammengeschlossen. Es gibt einen Lehmofen und ein großes Trampolin. Oft duftet es nach leckerem Essen, weil irgendjemand mit Familie oder Freunden grillt.

Der Verein finanziert sich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Jedes Jahr stimmen die Mitglieder über die Verwendung der Mittel ab. Wer dabei sein möchte, kommt einfach regelmäßig in den Garten, lernt alle kennen und stellt sich bei einer Gartenversammlung vor. Dann kann er, wenn er mag, Vereinsmitglied und damit stimmberechtigt werden. Vereinsmitglied möchte Rome derzeit nicht werden. Zu befremdlich erscheint ihm die deutsche Vereinskultur, bei der die Verteilung der Gemeinschaftsarbeiten schnell zu einer zweistündigen Debatte ausarten kann. „Wir sind doch hier nicht im Bundestag“, sagt er etwas irritiert, aber mit einem Schmunzeln, nach seiner ersten Mitgliederversammlung im Frühjahr 2018. „Die Deutschen nehmen alles so ernst“, beobachtet er ganz richtig. Rome spricht inzwischen fließend deutsch und hat Bekanntschaft mit der hiesigen Mentalität gemacht. Es ist nicht seine und doch übt er jeden Tag beide Welten, die in sich und die um sich, miteinander in Einklang zu bringen. Und genau darum geht es in einem interkulturellen Garten.

„Integration ist kein eindimensionaler Prozess, sondern schafft neue soziale Realitäten und stellt hohe Anforderungen an beide Seiten“, schreibt die Sozialwissenschaftlerin Dr. Christa Müller in der Einleitung zu ihrem Buch Wurzeln schlagen in der Fremde über interkulturelle Gärten***. „Sowohl die ZuwanderInnen als auch die VertreterInnen der Aufnahmegesellschaft sind aufgefordert, sich zu öffnen, Interesse aneinander zu entwickeln und Gemeinsamkeiten zu erkennen.“

Ein interkultureller Garten ist ein Ort, an dem unterschiedlichen Mentalitäten, Vorstellungen, Erfahrungswelten, Wertesysteme, Religionen und Lebensentwürfe zusammentreffen. Keine Mentalität ist mehr wert als eine andere, keine muss sich der anderen Unterordnen. Es geht um ein Miteinander, ein Sowohl als auch, darum, in Kontakt zu kommen und zu verstehen, dass es auch andere Lebensentwürfe gibt. Alles darf sein. Und kann miteinander sein. Die Basis dafür ist die Erde, aus der alles entsteht und die alles verbindet.

*entnommen aus dem Buch: Christa Wolf (siehe ***): Seite 18.
**Name von der Redaktion geändert
*** Christa Wolf: Wurzeln schlagen in der Fremde. Die Internationalen Gärten und ihre Bedeutung für Integrationsprozesse, oekom, München 2002: Seite 9

Der Artikel ist in Ausgabe 2/2018 des SANITÄTSHAUS AKTUELL Magazins (www.sanitaetshaus-aktuell.info) erschienen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion dürfen wir ihn hier veröffentlichen.

14. September 2015
von nadine
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Sparkassen-Aktionstag: Schaukelbau

Dank des Engagements eines Wuhlegarten-Nachbars spendete uns die Berliner Sparkasse 1.000,- € für den Erwerb neuer Fahrradständer und den Bau einer neuen Schaukel. Am letzten Samstag besuchten uns daher 4 Sparkassen-Freiwillige, um gemeinsam mit Wuhlegärtnern das Projekt in die Tat umzusetzen. Viel Einsatz war gefragt, denn neben dem Schaukelbau mussten auch noch 4 t Spielsand vom Cardinakplatz bis zum Schaukelbereich transportiert werden; und zwar per Muskelkraft. Und während die einen schraubten oder schippten, kümmerten sich die anderen um das leibliche Wohl der Helfer und backten Pizza im Lehmofen.

Bis zur entgültigen Fertigstellung der Schaukel wird es zwar noch ein paar Tage dauern, aber wir sind bereits weit gekommen…